Die Schaufensterkrankheit (PAVK)

Ein harmloser Name für eine ernste Erkrankung

Ohne Sauerstoff kein Leben. Jede Zelle unseres Körpers ist auf diesen Energiespender angewiesen. Sauerstoff gelangt mit dem Blut zu den Geweben und Organen. Eine gute Durchblutung ist daher Voraussetzung für eine gute Versorgung mit Sauerstoff. Die Blutgefäße, die den Transport des sauerstoffreichen Blutes zu den Organen übernehmen, sind die Arterien, auch 'Schlagadern' genannt.
Wenn immer wiederkehrende Beinschmerzen zu häufigem Stehenbleiben zwingen - wie beim Schaufensterbummel - spricht man von der 'Schaufensterkrankheit'. Sie wird durch Durchblutungsstörungen der Beinarterien hervorgerufen und heißt medizinisch 'periphere arterielle Verschlusskrankheit' (kurz PAVK).

Diese Erkrankung ist trotz ihres harmlosen Namens sehr ernst und tritt häufig auf: etwa 10% der über 65-jährigen leiden daran. Insbesondere Raucher, Diabetiker und Menschen mit erhöhten Blutfettwerten sind gefährdet. Es handelt sich um eine chronische, fortschreitende Erkrankung, die häufig mit anderen Krankheiten z.B. Durchblutungsstörungen der Herzkranzgefäße oder der hirnversorgenden Gefäße gekoppelt ist. Tatsächlich sind bei der PAVK im fortgeschrittenen Stadium zu 90% auch die Herzkranzarterien und zu 70% auch die Halsschlagadern betroffen. Das bedeutet: bei der PAVK besteht ein stark erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Das sogenannte 'Raucherbein' bezeichnet eine bereits fortgeschrittene PAVK. Je früher die Schaufensterkrankheit erkannt wird und je früher Risikofaktoren ausgeschaltet werden, desto eher kann ein Fortschreiten gestoppt werden.



Risikofaktoren

  • Rauchen
    Wenn es stimmt, dass jeder so alt ist wie seine Gefäße, dann altern Raucher erheblich schneller: Im Vergleich zu Nichtrauchern tritt die PAVK bei Rauchern bis zu 10 Jahre früher auf. Es gibt also nichts daran zu verharmlosen: Die Rauchinhaltsstoffe sind Gift für die Gefäße, jede Zigarette ein Anschlag auf die Arterien. Darüber muss sich jeder Raucher im klaren sein. Wer auf seine Arterien achtet, lässt besser die Finger vom Tabak. Und das lohnt sich: Nach dem Rauchstopp sinkt das Risiko im Laufe der Zeit wieder auf das Niveau eines Nichtrauchers.
  • Diabetes
    Hohe Blutzucker- und Insulinspiegel fördern die Arteriosklerose (='Gefäßverkalkung'). Diabetiker haben ein 3 bis 5-mal größeres Risiko, an einer PAVK zu erkranken. Eine korrekte Einstellung des Blutzuckers ist für den Diabetiker auch aus diesem Grund äußerst wichtig. Wenn eine familiäre Veranlagung vorliegt, sollten regelmäßige Zuckerkontrollen durchgeführt werden. Je früher ein Diabetes erkannt wird, desto eher können Gefäßkomplikationen verhindert werden.
  • Bluthochdruck
    Ein ständig erhöhter Blutdruck bedeutet für die Arterien eine mechanische Belastung, der sie einfach nicht gewachsen sind. Der Bluthochdruck gilt heute als einer der größten Risikofaktoren für Arteriosklerose und damit auch für die PAVK. Durch Normalisierung eines hohen Blutdrucks wird daher auch eine erhebliche Risikominderung erreicht.
  • Erhöhte Cholesterinwerte
    Cholesterin ist ein natürlicher und wichtiger Bestandteil unseres Körpers. Aber zuviel davon ist schädlich. Meist kommt dieses 'Zuviel' von einer ungünstigen Ernährung plus entsprechender Veranlagung. Butter, Schmalz, Eier oder fettes Fleisch enthalten viel Cholesterin; tierisches Fett sollte generell gemieden werden. Viele Menschen essen auch zu wenig frisches Gemüse oder Obst. Erhöhte Cholesterinwerte lassen sich oft schon durch eine entsprechende Ernährungsumstellung in den Griff bekommen. Sollte dies nicht reichen, stehen Ihrem Arzt zusätzlich wirksame Medikamente zur Verfügung.
  • Ist Übergewicht ein Risikofaktor?
    Für sich genommen wohl weniger. Allerdings hängt Übergewicht häufig mit Bluthochdruck, erhöhten Cholesterinwerten oder Diabetes zusammen. Auf sein Gewicht zu achten, lohnt sich auf jeden Fall.
  • Bewegungsmangel
    Körperliche Aktivität wirkt einer Arteriosklerose entgegen. Regelmäßigkeit ist dabei wichtiger als Intensität. So ist es besser, dreimal in der Woche 20 Minuten zu laufen als einmal eine Stunde.
  • Übermäßiger Alkoholkonsum
    Mäßiger Alkoholkonsum hat möglicherweise einen Schutzeffekt, besonders ein Glas Rotwein am Tag. Zuviel jedoch bewirkt genau das Gegenteil. Und die Grenze ist schnell überschritten: Schon ein Viertelliter Rotwein enthält ca. 25g Alkohol, was bei täglichem Konsum für Männer noch vertretbar, für Frauen aber schon zuviel ist. Schränken Sie daher Ihren Alkoholkonsum ein.
  • Stress
    Im Stress setzen wir unseren Körper richtig unter Dampf. Von der Natur war allerdings vorgesehen, dass wir den Dampf auch wieder ablassen - durch körperliche Bewegung. Heute nutzen wir dieses Ventil aber zu wenig. Die Entstehung einer Arteriosklerose und einer PAVK kann dadurch begünstigt werden. Versuchen Sie daher, Stress zu vermeiden oder besser damit umzugehen und sorgen Sie für Entspannung.


Diagnostik der PAVK

Ein ausführliches Gespräch über die Beschwerden des Patienten und mögliche Risikofaktoren für eine PAVK ist Grundlage der Diagnostik. Das Abtasten der Pulse an den Beinen zeigt mir, ob und wenn ja, wo eine Durchblutungsstörung vorliegt. Bei der Dopplerdruckmessung wird mittels einer Blutdruckmanschette und einer Ultraschallstiftsonde an den Beinen der Blutdruck in den Arterien gemessen. Die Blutflusskurve, also der Anstieg und Abfall des Blutdruckes bei jedem Pulsschlag, kann dadurch aufgezeichnet werden. Die Form dieser Kurve gibt Aufschluss über das Ausmaß einer Arterienverengung.Eine andere Möglichkeit, die Durchblutung zu messen, bietet die Oszilllografie (= elektronische Pulsmessung). Nach Aufblasen von Druckmanschetten, die sich an Ober- und Unterschenkel sowie den Füßen befinden, erfolgt während des langsamen, stufenweisen Ablassens des Manschettendrucks die Aufzeichnung des Pulses mittels mechanischen oder elektronischen Pulsabnehmern. Normalerweise ist die arterielle Pulskurve durch einen steilen Anstieg mit einem spitzen Ausschlag und einem zweigipflig abfallenden Schenkel charakterisiert. Bei Arterienverschlüssen ist der Anstieg der Kurve flacher und die Höhe geringer. Zusätzlich zeigt die abfallende Kurve keine zwei Gipfel. Diese Methoden werden auch zur Verlaufskontrolle einer bestehenden PAVK eingesetzt.
Weitere Untersuchungen werden mit Hilfe der Duplexsonografie (=Ultraschalluntersuchung) durchgeführt. Sie ermöglicht eine genaue Darstellung der Arterien in den Beinen; die Gefäße und die Breite bzw. Geschwindigkeit des Blutflusses können kontrolliert werden. Verengungen oder Ablagerungen werden dadurch sichtbar. Alle diese schmerzlosen und nicht belastenden Untersuchungen führe ich in meiner Ordination durch.



Stadien der Krankheit

  1. Stadium: Verengungen der Arterien noch ohne Beschwerden
    Die PAVK entwickelt sich allmählich, kann lange Zeit unbemerkt bleiben und ruft vielfach erst im höheren Lebensalter Beschwerden hervor. Allerdings ist das Tempo, mit dem sich die Erkrankung entwickelt, individuell sehr unterschiedlich. Im ersten Krankheitsstadium kommt es meist noch zu keinen Beschwerden.
  2. Stadium: Schmerzen zwingen zu Pausen
    Sind die Beine betroffen - wie in 90% der Fälle - wird der Patient oft dadurch auf die PAVK aufmerksam, dass er beim Gehen nach einer gewissen Strecke Schmerzen verspürt - häufig in der Wade, etwas seltener im Oberschenkel, Gesäß oder dem Fuß. Mit den Schmerzen signalisiert die Muskulatur, dass sie unter Sauerstoffmangel leidet. Beim Gehen wird sie nämlich stärker beansprucht, braucht mehr Sauerstoff und muss entsprechend besser durchblutet werden. Das geht aber nicht: durch die verengten Arterien kann nicht so viel Blut fließen wie benötigt wird. Die Schmerzen zwingen zu regelmäßigen Pausen, was diesem Krankheitsstadium den Namen 'Intermittierendes (=unterbrochenes) Hinken' gegeben hat. Nicht selten wird die Erholungspause durch den unauffälligen Halt vor einem Schaufenster getarnt.
  3. Stadium: Ruheschmerzen
    Gelingt es nicht, die PAVK zu stoppen, wird die Durchblutung immer weiter behindert. Die Schmerzen stellen sich dann auch in Ruhe ein, besonders nachts, wenn die Beine liegen.
  4. Stadium: offene Beine, Verlust von Gewebe
    Weitere Folgen der schlechten Durchblutung: auch kleinste Verletzungen heilen nur noch schlecht, Infektionen und offene Beine können auftreten, Gewebe kann zugrunde gehen. Kann ein ausreichender Blutfluss nicht wieder hergestellt werden, ist im schlimmsten Fall sogar eine Amputation notwendig. Leider ist das noch nicht alles. PAVK-Patienten haben zusätzlich ein stark erhöhtes Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden.


Behandlung der PAVK

Die Durchblutungsstörungen müssen gezielt behandelt werden: mit Bewegungstherapie, Medikamenten, durch eine Katheterbehandlung und ev. durch das zusätzliche Einsetzen eines Stents (einem 'Stützkorsett' für die Arterie). Manchmal sind Bypass-Operationen notwendig; dabei wird durch eine künstliche 'Umleitung' der verschlossene Gefäßabschnitt überbrückt. Bewegungstraining: Viele Schritte in die richtige Richtung!
Im frühen Stadium der PAVK bilden Gehtraining und spezielle Gymnastik die Grundlage der Behandlung. Damit sollen die Beschwerden verringert und die Gehstrecke verlängert werden. Wichtig: das Programm sollte mit Ihrem Arzt abgestimmt sein, denn bei Ruheschmerzen oder wenn schon Gewebe geschädigt ist, kommt das Bewegungstraining meist nicht mehr in Frage.
Gerade die Bewegung zu üben, die doch Schmerzen hervorruft, erscheint widersprüchlich. Aber das regelmäßige Training ist erwiesenermaßen sehr wirksam. Es führt unter anderem zur Bildung neuer Blutgefäße, die einen verstopften Gefäßabschnitt umgehen und die Muskulatur wieder mit Sauerstoff versorgen können. Die Schmerzen nehmen ab, die mögliche Gehstrecke wird oft erheblich verlängert.
Grundsätzlich gilt: Gehstrecke, Gehgeschwindigkeit und Gehdauer müssen der individuellen Leistungsfähigkeit angepasst werden, das Gehtraining darf nicht zu starken Schmerzen führen. Deshalb ist ein Intervalltraining sinnvoll. Das heißt: man hält an, kurz bevor Schmerzen auftreten, ruht sich ein wenig aus, nimmt dann das nächste Stück in Angriff, macht wieder Pause und so weiter. Ein solches Training sollte täglich während eines 1- bis 2-stündigen Spazierganges durchgeführt werden. Sie werden sehen, mit der Zeit wird es Ihnen immer leichter fallen.
Gut geeignet sind auch Radfahren, Treppensteigen oder die Zehenstandsübungen. Dabei stellen Sie sich immer wieder auf Ihre Zehenspitzen, ebenfalls bis die ersten Schmerzen auftreten, machen eine Pause und beginnen von vorne. Für das gesamte Bewegungstraining gilt: Regelmäßigkeit ist wichtiger als Intensität.

Medikamente
Zur Therapie der PAVK steht dem Arzt auch eine Reihe von Medikamenten zur Verfügung: Thrombozytenfunktionshemmer (wie Acetylsalicylsäure, Clopidogrel) und Gerinnungshemmer sollen in erster Linie das Fortschreiten der Erkrankung verhindern oder wenigstens verzögern. Zusätzlich gibt es sogenannte 'vasoaktive' Medikamente, die die Durchblutung verbessern können. Den Bedarf zur Verschreibung solcher Arzneimittel kann nur der Arzt nach einer genauen Gefäßuntersuchung beurteilen.

Nicht chirurgische und chirurgische Verfahren
Die Ballondilatation ist eine der Standardmethoden zur Behandlung der PAVK. Dabei wird zunächst ein Katheter durch die Engstelle geschoben. Dann wird ein Ballon aufgepumpt, der die arteriosklerotischen Polster zurückdrängt. Damit wird der Engpass beseitigt und die Arterie wieder erweitert. Zusätzlich kann eine Gefäßstütze ('Stent') eingesetzt werden, um einen Wiederverschluss zu verhindern.
Gemeinsam mit meiner Arbeitsgruppe am AKH in Wien habe ich ein weltweit beachtetes neues Therapiekonzept entwickelt. Bisher kam es nach der Ballondilatation häufig zu neuerlichen Verengungen. Durch unsere Methode kann dieses Risiko entscheidend vermindert werden: nach der Beseitigung der Einengung oder des Verschlusses wird eine kurze lokale Strahlentherapie durchgeführt. Die Strahlendosis ist sehr gering; der Eingriff ist weitgehend schmerzfrei.
Operative Verfahren kommen in der Regel nur bei fortgeschrittener PAVK in Betracht, wenn die Erhaltung der betroffenen Gliedmaße gefährdet ist. Welches Verfahren angewendet wird, hängt von vielen Faktoren ab - unter anderem vom Ausmaß der Erkrankung und vom Sitz der Gefäßverengungen. In manchen Fällen kann eine Bypassoperation vorteilhaft sein. Der Verschluss wird dabei durch eine Umleitung umgangen. Der langfristige Erfolg einer Ballondilatation oder Bypassoperation hängt wesentlich davon ab, wie konsequent Sie gegen Ihre Risikofaktoren vorgehen. Wie lange nämlich ein Gefäß offen bleibt, wird nämlich auch vom Fortschreiten der Arteriosklerose bestimmt.

Pflege der Beine und Füße
Eine eingeschränkte Durchblutung durch die PAVK bedeutet auch, dass selbst kleinste Verletzungen schlechter heilen und hartnäckige Infektionen entstehen können. Um solchen Komplikationen vorzubeugen, sollten Sie Ihre Beine und Füße besonders pflegen und versuchen, Verletzungen zu vermeiden. Außerdem sollten Sie keine engen Schuhe oder Strümpfe tragen und die Beine im Sitzen nicht übereinander schlagen.
Als Diabetiker müssen Sie besonders vorsichtig sein: Die Zuckerkrankheit kann dazu führen, dass die Schmerzempfindlichkeit abnimmt. Dadurch können Verletzungen (auch Verbrennungen, Verbrühungen oder Erfrierungen) leichter entstehen und werden häufig zu spät entdeckt. Eine tägliche Kontrolle ist deshalb besonders wichtig. Gehen Sie bitte sofort zum Arzt, wenn Sie Verletzungen bemerken, Ihr Befinden sich verschlechtert oder neue Symptome auftreten. Versuchen Sie nicht, Ihre Beschwerden selbst zu kurieren. Nur Ihr Arzt kann den Sachverhalt richtig einschätzen und weiß, was zu tun ist.